Gedanken: Arbeitsmoral
Vor über drei Wochen bin ich hier in Tauranga im Community House von Steiger angekommen. Der erste Abend beim Community Meal war schon mal ein vielversprechender Anfang. Am nächsten Tag sind dann Steffi und Rüdi, gute Freunde aus Deutschland, vorbeikommen. Wir hatten eine richtig gute Zeit übers Wochenende und haben einiges unternommen. Nicht einmal das Erdbeben auf der Südinsel hat die Zeit getrübt. Das kann doch eigentlich nur ein guter Start für eine geniale Zeit sein. Aber es ist eben nicht immer so einfach. Mir wurde ein richtig guter Start geschenkt, doch danach wurde ich auch schon wieder herausgefordert.
Das Gefühl, nachdem Steffi und Rüdi gegangen sind, kannte ich schon. Nach richtig guten Tagen fühlt man sich ganz schnell in einem Loch und hat das Gefühl nichts zu tun und zu erleben. Man schaut dann, wo die Reise als Nächstes hingeht, was man als Nächstes machen kann. Doch an so einem Tag kann man dann natürlich auch dort nichts neues Finden. Man hat so das Gefühl, als würde auf einmal nichts mehr so klappen, wie man will.
Die Antwort für Christen in solchen Situationen klingt dann viel zu einfach. „Gott hat einen Plan für dich.“ Oder „Vertrau einfach auf Gott und es werden sich schon Türen öffnen.“ Genau das ist auch die Lösung und ich erlebe es immer wieder, dass es genauso ist. Aber es fällt mir immer am schwersten zu Glauben und auf Gott zu vertrauen, wenn es mir nicht gut geht. Beten fällt mir einfacher, aber darauf zu vertrauen, dass Gebete auch erhört werden, fällt mir viel schwerer.
Schon ein Tag später kann die Welt aber auch schon wieder ganz anders aussehen. Auch wenn der Tag selbst nicht besonders gut war und keiner von meinen Plänen so richtig funktionieren wollte, hat er doch gut geendet. Hätte ich zu dem Zeitpunkt schon das gewusst, was ich jetzt weiß, hätte ich schon da verstanden, dass es nicht nur irgendeine Türe war, die sich geöffnet hat, sondern mich viel mehr dahinter erwartet. Aber so richtig konnte ich das Großartige noch nicht sehen, da es ganz und gar nicht meinen Vorstellungen und Plänen entsprochen hat. Und ich hatte doch viel mehr Lust auf meine Pläne. Aber immerhin, ich habe Arbeit, auch wenn ich die gar nicht wollte. Zu verdanken habe ich das Ximena, 22, aus Chile. Sie ist in Community House über Couchsurfing gekommen und ist nicht mehr gegangen. Sie hat schon ein halbes Jahr für einen Subunternehmer auf verschiedenen Plantagen gearbeitet. Das ganze verdiente Geld hat Sie dann in ein Flugticket für Ihre Schwester investiert, damit Sie für einen Besuch in Neuseeland vorbeikommen kann. Mit einem Working Holiday Visa ist es aber verboten länger als ein halbes Jahr für einen Arbeitgeber zu Arbeiten. Also hat Ximena nach einem neuen Subunternehmer gesucht. Sie hat einen gefunden und auf einmal meinten alle, ich soll doch einfach mitgehen. Ximena hat nachgefragt und schon habe ich einen Job, ohne etwas dafür zu tun und ohne ihn überhaupt zu wollen. Jetzt wo ich das so schreibe hätte mir eigentlich wirklich schon da klar sein sollen, dass da mehr dahinter steckt. So etwas passiert doch einfach nicht so ohne weiteren Grund. Aber zu dem Zeitpunkt hat ich gemischte Gefühle. Zum einen fand ich es gut, etwas Geld verdienen zu können, zum anderen haben aber meine Pläne nicht geklappt und ich muss eine andere Arbeit machen, wo ich vermutlich viel weniger Geld verdiene, als ich eigentlich verdienen könnte.
Flower Picking Vor meinem ersten Arbeitstag hatte ich keine Ahnung, was Flower Picking, genauer gesagt Kiwi Flower Picking, überhaupt ist. Man sammelt offene oder sich öffnende Blüten vom männlichen Kiwibaum. Aus den Blüten werden dann die Pollen extrahiert und später werden damit wieder die weiblichen Bäume befruchtet. Die Bezahlung erfolgt pro gesammeltes Kilogramm an Blüten.
Die ersten Arbeitstage bestätigen dann auch erst mal meine gemischten Gefühle. Morgens aufstehen nur um zu erfahren, dass wir erst später Arbeiten, weil es regnet. Erst die Hoffnung auf gutes Geld und dann die Ernüchterung, wenn man am nächsten Tag das Gewicht gesagt bekommt. Und dann auch ständig diese Müdigkeit. Ich vermute, es liegt hauptsächlich an den Pollen der Blumen, die man in die Augen bekommt. Am dritten Tag gibt es dann schon den ersten Tag ohne Arbeit, weil bereits Bienen in die Plantage gebracht wurden, in der wir Arbeiten sollten. Es ist sehr anstrengend, wenn man sich immer wieder versucht neu zu Motivieren und dann am nächsten Morgen gleich wieder nicht so gut läuft. Wenn man eine Zeit Negativ sieht, übersieht man leider ganz schnell die positiven Dinge, die passieren. Und auch die gab es. Vor allem am zweiten Tag. Aber schon ein Tag später geht das Positive schon wieder verloren. An dem Tag hatte ich ein richtig gutes Gespräch mit anderen Arbeitern während einer Regenpause. Es ist verrückt, wie das Gespräch überhaupt angefangen hat und was dann daraus geworden ist. Aus einem „Wie heißt du?“ wurde ein Gespräch über Bibel und Glaube mit sehr viel Tiefgang. Das Gespräch war glaub nicht für die anderen, sondern genau für mich bestimmt. Einer der Kernpunkte, die ich aus dem Gespräch mitgenommen hatte, war, dass ich mich dafür schäme so wenig aus der Bibel zu wissen. Ich hatte das Gefühl, dass die anderen nicht besonders gläubig sind, aber die wussten so viele Stellen aus der Bibel, dass ich sehr beeindruckt war. Das Fazit für mich: Ich sollte Bibellesen Anfangen.
Wenn es nach mir gehen würde, hätte ich die ganze Arbeit aber am nächsten Tag schon wieder hingeschmissen. Ich verdiene weniger als der Mindestlohn, morgens umsonst früh aufstehen, körperliche Arbeit und die ständige Müdigkeit. All das ist für mich jetzt nicht wirklich überzeugend. Warum mache ich aber trotzdem weiter? Zu dem Zeitpunkt eigentlich nur weil ich dachte, etwas Gutes zu tun, indem ich Ximena fahre. Ohne Auto hätte Sie keine Arbeit und ich finde es sehr beeindruckend, dass Sie bis jetzt nur für Ihre Schwester gearbeitet hat. Dazu kommt, dass jetzt auch noch Hector und Alicia, ebenfalls aus Chile, mitkommen wollen. Die beiden suchen dringend nach Arbeit. Mir fällt es immer sehr schwer, Nein zu sagen, wenn ich jemanden helfen kann.
Nach einem Tag ohne Arbeit geht das Chaos dann auch schon wieder weiter. Da wir bei unserem ersten Subunternehmer irgendwie ein komisches Gefühl hatten und dachten, dass wir dort nicht regelmäßig Arbeiten können, haben Ximena und Alicia einen neuen Subunternehmer gesucht. Irgendwie hat vor Ort nicht alles gepasst, aber am Ende vom Tag hatten wir einen Vertrag in der Hand und das ernüchternde Ergebnis von ca. 5$ Stundenlohn. Für mich war das Spagat zwischen, ich will helfen und ich will es hinschmeißen wirklich herausfordernd. Eigentlich hatten wir mit jemandem Kontakt, der uns mehr Zahlen wollte. Also haben wir noch mal versucht zu klären, wie wir zum richtigen Subunternehmer kommen. Am Sonntag wollten wir ihn treffen, haben aber am Morgen die Nachricht bekommen, dass er doch nicht arbeitet. Also haben auch wir beschlossen, den Tag frei zunehmen. Über freie Sonntage bin ich immer froh.
Am Abend in der Kirche gab es dann eine Predigt, die genau für mich bestimmt war. Das hat die Arbeit zwar nicht leichter gemacht, aber das Durchhalten ist dann doch etwas leichter gefallen. Die Predigt kann man sich auch online anhören (http://mosaicchurch.nz/podcast/2016/11/26/the-meaning-of-work). Für mich persönlich gab es 5 Kernpunkte, die ich aus der Predigt mitgenommen habe.
- Wenn Ich in der Arbeit keine Bedeutung sehe, dann muss ich halt eine Bedeutung mit zur Arbeit nehmen. Oder anders ausgedrückt, wenn ich denke, dass meine Arbeit nichts mit Gott zu tun hat, dann muss ich halt dafür sorgen, dass Sie etwas mit Gott zu tun hat. Und das kann auch so einfach sein, wie nur besonders gut drauf sein, um anderen den Tag zu verbessern.
- Warum sollte mir Gott zur besseren Arbeit verhelfen, wenn ich schon bei der Arbeit, die ich bereits Habe nicht mein Bestes gebe?
- Als Christ sollte man Versuchen, auch wenn man die Arbeit hasst und nicht gut darin ist, immer sein Bestes zu geben.
- Vielleicht tut Gott mit der Arbeit gerade nichts für mich, aber ich tue etwas Gutes für jemand anderen, der genauso wie ich von Gott geliebt ist.
- Auch in der Arbeit, die man nicht mag, kann man neue Erfahrungen sammeln und sein Charakter kann weitergebildet werden.
Ist deswegen die Arbeit jetzt Leichter geworden? Macht Sie mir jetzt mehr Spaß? Nein! Aber es sagt auch keiner, dass man als Christ nicht mehr Arbeiten muss und alles auf einmal total einfach wird.
An zwei Tagen war die Plantage morgens Nass und es war kalt. An einem Tag hat es stärker gewindet und Ich konnte zwischendurch meine Hände nicht mehr richtig spüren. Es war echt hart durchzuhalten und nicht einfach aufzugeben. Aber der Gedanke, dass man auch damit irgendwie zu Gottes Reich beiträgt oder irgendwie auf das nächste Große vorbereitet wird, hat mir doch sehr beim Durchalten geholfen.
Jetzt, nachdem die Arbeit vorbei ist, bin dankbar für das, was ich alles in der Zeit gelernt habe. Ich hab vermutlich noch nicht mal alles davon verstanden und realisiert. Sicherlich hat sich mein Charakter verändert und weitergebildet. Vielleicht ist das ein Teil der Vorbereitung für das Nächste, was für mich ansteht. So genau weiß ich das jetzt noch nicht. Aber es gibt ein paar Dinge, die ich jetzt schon für mich aus der Zeit mitnehmen kann.
- Ich konnte anderen Helfen und damit ganz praktisch Gott dabei Helfen seine Liebe zu allen Menschen zu Zeigen. Es geht nicht immer nur um einen selbst. Trotzdem kann man meistens auch etwas für sich selber mitnehmen.
- Ich hab mal wieder mehr gelernt Geld nicht an erster Stelle zu sehen. Ich bin noch weit davon entfernt komplette darauf zu Vertrauen, dass Gott mich versorgen wird, aber ich werde immer besser darin. Ich glaube nicht, dass man als Christ nur faul rumsitzen sollte und Gott gibt einem dafür Geld, aber ich glaube, dass wir uns zu viel Gedanken und Sorgen über Geld machen. Am Ende wird schon alles zusammenpassen.
- Ich hab manch meiner Grenzen neu kennen gelernt.
- Ich kann die Arbeit, die ich zu Hause habe, wieder deutlich mehr schätzen.
- Ich sollte viel dankbarer für die Arbeit, die ich zu Hause habe und für selbstverständlich ansehe, sein.
Es gibt auch so viele kleinere Dinge, die wenn man darüber nachdenkt die ganze Arbeit und Strapazen definitiv waren. Das wichtige ist nur, bei all dem schlechten und frustrierendem, nicht den Blick für das Gute zu verlieren.
